Würde und Arbeit

Am 23.5. diesen Jahres jährt sich die Verkündung des Grundgesetzes der Bundesrepublik zum siebzigsten Mal. Bei allen Möglichkeiten der Verbesserung in unserer Gesellschaft: die längste Friedensperiode, der höchste Lebensstandard, die längste durchschnittliche Lebensspanne, und vieles Gutes mehr auf das an diesem Tag zurückgeblickt werden kann. Und ja, klar, auch vieles (noch) nicht so Gutes.

Der bekannteste Satz aus dem Grundgesetz ist wohl der Artikel 1, Abs. 1:

  1. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Um die Würde des Menschen und welche Aufgabe zu ihrem Schutz dem Staat dabei zugeordnet wird, ist wieder und wieder Anlass zu wichtigen Auseinandersetzungen der politischen Kräfte.

Die Würde des Menschen wirkt eben direkt – sie ist Teil des Menschseins – und wird allzu schnell verletzt. Das Überschreiten von individuellen Grenzen gehört zu den prägensten Erlebnissen in der Entwicklung einer Persönlichkeit. Kein Wunder also, das Erziehung und Lehre eine so überaus große Bedeutung zukommt. Kann ein Mensch in Würde aufwachsen, so ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass dieser Mensch auch anderen Menschen den Wert Würde zuspricht – und damit ein positives soziales Miteinander ermöglicht.

Geschieht das Gegenteil, erlebt der Mensch Verletzungen seiner Würde, so wird er sich schützen und Verhaltensweisen entwickeln, die eine solche Verletzung gegen andere ebenfalls rechtfertigt.

So Komplex wie nie

Umso verwunderlicher ist es, dass wir (vor allem in westlichen Gesellschaften) im Bereich Arbeit unsere Würde quasi an der Pforte abzugeben haben. Tatsächlich sind hierarchische Strukturen per se nicht dafür ausgelegt, einem Individuum gerecht zu werden. Darin liegt eben ihre Stärke: Einigkeit durch Hierarchie ist ein seit 10.000 Jahren gelebtes Konzept – mit hoher Wirksamkeit. Einzelne mussten, um der Gruppe das Überleben zu sichern, unterordnete Teile des Ganzen werden.

Dieses Konzept funktionierte ganz gut im gegebenen Umfeld der vergangenen zehn Jahrhunderte. In dieser Zeit wurden bei zunehmender Geschwindigkeit Innovationen hervorgebracht, welche das Zusammenleben der Menschheit massiv veränderten. Und nie so schnell wie in den letzten zweihundert Jahren.

Mit dieser Entwicklung steigt die Komplexität unseres Lebens immens an, in allen Lebensbereichen. Diese Veränderungsgeschwindigkeit fordert ein neues und bis dahin nicht notwendiges Maß an Reaktions- und Anpassungsfähigkeit.
Doch für Schnelligkeit sind hierarchische Strukturen nicht ausgelegt – dort geht es um Stabilität. Der Schluss ist einfach: hierarchische Strukturen sind nicht zukunftsfähig, wenn der Komplexitätsgrad der Umwelt so bleibt. Oder sich gar noch erhöht.

Wie umgehen damit

Die Anforderungen an jeden Einzelnen steigen ebenfalls an. Wir sollen, müssen, flexibler werden – stete Veränderung als normal anerkennen und damit umgehen. Das ist eine immense Herausforderung, und macht Angst. Denn der Wunsch nach Sicherheit und Stabilität ist ein fester Bestandteil unseres Menschseins.

Die Antwort auf die Frage nach einer Haltung, die sowohl Veränderung also auch Sicherheit und Gemeinschaft bietet, ist damit zum wesentlichen Kern für unsere Zukunftsfähigkeit geworden.

Gerald Hüther, Neurobiologe, vielfacher Autor und Redner, leitet in seiner eigenen Art über die Wissenschaft kommend her, dass dieser Kern die „Würde“ des Menschen ist. Folge ich seinen Argumenten, so kann ich dem nur Zustimmen: ist der Mensch sich seiner eigenen Würde bewusst, so verfügt er über die notwendige Stabilität (und Haltung) nicht nur für sich, sondern auch im Rahmen seines Wirkens in einer Gemeinschaft, sozial verträgliche Verhaltensweisen zu entwickeln. Welche dann jede Veränderung ermöglicht, aber nicht zwanghaft übernimmt.

Lohnarbeit in Hierarchien

Würde ist ein persönliches und intimes Gut, und es ist einsehbar, dass Hierarchien in ihrem Grundkonzept eben diese Individualität nicht befördern – im Gegenteil sogar bekämpfen.

Unternehmen, die mit der Haltung F. W. Taylors agieren, haben es denn heute zunehmend schwer: Die Struktur steht gegen Veränderung – normiert zwangsweise den Menschen – und schließt damit die Chancen aus, sich ein einem dynamischen Umfeld zu behaupten.

Damit wird deutlich, was F. Bergmann mit seinen Gedanken zu „New Work“ schon vor über dreißig Jahren forderte: das Unternehmen die Individualität der Mitarbeiter fördern sollten, um im Ganzen wesentlich besser an den Märkten agieren können.

So sind nicht nur Unternehmen in ihrem formalen Ausdruck, sondern jeder Einzelne heute an der Reihe, sich über die Würde des Menschen Gedanken zu machen. Habe ich ein gutes Verständnis meiner Würde, so kann ich mich gegen Würdeverletzungen wenden – diese überhaupt erst einmal erkennen. Wird meine Würde auch in meinem Arbeitsverhältnis anerkannt, so werde ich mich dieser Arbeit nicht nur des Geldes wegen, sondern mit intrinsischer Motivation und meiner ganzen Fähigkeit zuwenden.

Darin liegt die große Chance – ein wirkliches „Wir“ im Unternehmen zu schaffen, und damit nach Außen wie nach Innen wertschöpfend, nachhaltig und dem Gemeinwohl zuträglich zu handeln.

Würde ist das Thema dieses Jahrhunderts.

Mitwirken z.B. über:

Würdekompass.de (Initiative von G. Hüther)
Gemeinwohl-Ökonomie (Initiative von C. Felber)

Anhang

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www.wandelwerk.org

Mein Ziel: Menschen zu sinnhafter und nachhaltiger Arbeit verhelfen.

Die Anzeichen einer sich zunehmend schneller verändernden Arbeitswelt beschäftigt viele Menschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen. Es wird deutlich, dass unsere Strukturen und Werte dringend auf den Prüfstand müssen – Konzepte, welche vor 120 Jahren unter gänzlich anderen Marktbedingungen hervorragend wirkten, sind heute nicht mehr reaktionsfähig. Auch wenn der Begriff „agil“ in den letzten Jahren überstrapaziert wurde, es bleibt die Frage wie Unternehmen mit den veränderten Anforderungen weiterhin wertschöpfend agieren können. Dabei beschäftigt sich „New Work“ nicht nur mit einer Vielzahl wesentlicher Ansätze und Gedanken, sondern auch mit konkreten Beispielen und Hilfestellungen.

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